Sumia kann bereits auf eine erfolgreiche Karriere als Maschinenbauingenieurin zurückblicken – die jäh unterbrochen wurde, als sie und ihre Familie vor dem Krieg fliehen mussten. In Ralf Holtkamp, Geschäftsführer und Coach, hat sie einen erfahrenen Mentor gefunden, der ihr dabei helfen will, eine Exportfirma für Innenausbaumaterial für Küchen und Bäder in die MENA Region aufzubauen.

Gründerin: Sumia Bizem

Idee: Export von Materialien für Küchen und Bäder

Gründungsort: Berlin

Aufenthaltsdauer in Deutschland: seit Juni 2015

Studium in der Heimat: Maschinenbau

 

Gründerpate:

Name:Ralf Holtkamp

Alter: 52

Nationalität: Deutsch

Unternehmen: www.cortado-holding.com, www.carano.de, www.ralfholtkamp.de

Über die Gründerin:

Sumia hat ihren Job im Juli 2012 verloren, als ihr Arbeitbegeber in Syrien den Standort wegen des Krieges schloss. Daraufhin unterstützte sie ihren Mann in dessen Architekturbüro beim Projektmanagement und der Buchhaltung. Soumia spricht fünf Sprachen: Arabisch, Bosnisch, Englisch, Deutsch und Französisch.

3 Fragen, 3 Antworten

WJD: Woran arbeitet ihr momentan? Gibt es schon ein paar sichtbare Erfolge seit der gemeinsamen Arbeit für euch?

Ralf: Wir arbeiten an einem Konzept, wie ein Export von Innenausbau-Materialien für Häuser in den arabischen Sprachraum aussehen könnte. Dort genießt Made in Germany gerade im Bereich Küche und Bad einen guten Ruf. Parallel dazu geht es um eine Vielzahl von praktischen Themen und Fragen rund um alle möglichen Rahmenbedingungen.

Was den Erfolg angeht, frage am besten mal Sumia. Aus meiner Sicht: Einen gewissen roten Faden in die Vielzahl der zu klärenden Aspekte zu bringen und Strategien zur Risikoreduktion zu diskutieren.

Sumia: Was die Gründungsplanung angeht, sind wir eigentlich gerade dabei, einen „Fahrplan“ aufzustellen und die vielen Ideen zu sortieren. Mein Mann brachte viele Ideen aus dem Architekturbereich mit, ich als Ingenieurin mehr aus dem Maschinenbau.

WJD: Sumia, was ist in Deutschland anders, was Jobsuche und Businesswelt angeht?

Sumia: (lacht) Tja, hier ist alles um einiges langsamer!

WJD: Wie meinst du das?

Sumia: In Damaskus lief alles über Kontakte, egal ob du eine Firma gründen willst oder einen Job suchst. An einem Tag konntest du deinen ganzen Papierkram erledigen. In Deutschland ist das total anders! Durch die Bürokratie und die vielen Regelungen, die es gibt, dauern die Dinge einfach etwas länger, das ist für mich und viele Geflüchtete ungewohnt. Privatfirmen gab es in Syrien auch erst etwa seit dem Jahr 2000, davor gab es eigentlich nur in Ministerien und Behörden Jobs.

Ralf: Dies ist vor allem auch dem speziellen Flüchtlingsstatus geschuldet. Als Geflüchteter muss man sehr genau überlegen, was man darf und was man lieber nicht machen sollte, weil es eventuell den Status als Flüchtling gefährden könnte. Es ist immer die Angst da, das etwas passieren könnte, dass den Aufenthalt gefährdet,

Das ist aus meiner Sicht die größte Herausforderung: der Umgang mit einer Situation der Unsicherheit. Wie (sicher) ist der eigene Aufenthaltsstatus, wie geht es meinen Verwandten, die noch in Syrien sind? Sich in einer solchen Situation auf das Lernen einer neuen Sprache und eine Unternehmensgründung zu konzentrieren, ist eine große Herausforderung.

Bei der Gründung selbst ist ein Lean-Ansatz besonders wichtig, da die zur Verfügung stehenden Ressourcen einfach sehr begrenzt sind. Also Risiken dadurch zu reduzieren, dass möglichst frühzeitig im direkten Kundenkontakt gelernt wird, was wichtig ist, und mit den Ergebnissen in die nächste Iteration zu starten.

WJD: Ralf, was macht das Vorhaben oder die Arbeit mit Sumia besonders?

Ralf: Es ist spannend, wieviel Gemeinsamkeiten einfach da sind. Sumia kommt aus einem anderen Kulturkreis mit einer anderen Sprache, aber wir teilen so viele Ansichten und insbesondere den Wunsch aktiv etwas beizutragen und auf die Beine zu stellen.

WJD: Zu guter Letzt: welche Vorteile birgt die Teilnahme am Projekt für dich, und was motiviert dich?

Ralf: Ich finde es gut und richtig, wenn Deutschland Flüchtlinge aufnimmt und dafür wollte ich mich schon lange persönlich engagieren. Verschiedene Dinge habe ich ausprobiert, aber festgestellt, dass es gar nicht so einfach ist, wirklich sinnvoll etwas beizutragen. Ich war zum Beispiel in einem Flüchtlingsheim in einer Kleiderkammer und da habe ich vermutlich mehr im Weg rumgestanden, als alles andere. Als ich dann von diesem Programm erfahren habe, wusste ich sofort, dass ich hier mit meinen Erfahrungen als Unternehmer sinnvoll unterstützen kann. Und außerdem bin ich der festen Überzeugung, dass eine Unternehmensgründung in Deutschland eine wunderbare Möglichkeit der wirklichen Integration ist. Dabei möchte ich helfen

Ich finde es wichtig, über den eigenen Tellerrand zu schauen, sozusagen meine eigene kleine Filterblase zu verlassen. Welche Perspektiven Menschen aus einem ganz anderen Kultur- und Sprachraum nach Deutschland mitbringen, finde ich enorm spannend und sehr bereichernd. Darüber hinaus wird im Gespräch auch deutlich, und fast mit Händen greifbar, was es wirklich heißt, aus einem Land, in dem man sich heimisch fühlt und beruflich etabliert ist, mit Todesangst und Schrecken vertrieben zu werden. Das ist dann keine abstrakte Erkenntnis mehr, sondern eine direkte und persönliche Erfahrung. So kann man schlicht wieder dankbar sein für Dinge, die man sonst als selbstverständlich hinnimmt. Und aus dieser Dankbarkeit entsteht dann auch der Wunsch zu unterstützen.

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